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Mein zweiter Blindenführhund Tyson

Tyson - mein zweiter Blindenführhund


Nachdem meine Blindenführhündin Cim nach ihrem Schlaganfall am 15. Oktober 2007 eingeschläfert werden mußte, wollten wir zunächst erst innerlich Abschied von ihr nehmen und erstmal keinen neuen Blindenführhund bei der Krankenkasse beantragen.

In einer Mailingliste teilte ein Listenmitglied im August 2008 mit, daß ein fertig ausgebildeter Blindenführhund an eine blinde Frau abgegeben werden sollte, die durch Krankheit den Hund dann doch nicht bekommen konnte. Ich interessierte mich natürlich sofort dafür, da der Hund im Haus doch auch einfach fehlte und wir auch genügend Zeit hatten um uns innerlich von Cim zu verabschieden.


Es handelte sich um einen zweijährigen, blonden Labrador-Rüden der
Blindenführhundschule Stranz
aus Großfriesen im Vogtland bei Plauen.

Ich setzte mich mit Herrn Stranz von der Führhundschule
per E-Mail
in Verbindung um Informationen über den Hund einzuholen.
Herr Stranz teilte mir zunächst ebenfalls per E-Mail mit, daß es sich um einen blonden Labrador Redriver-Rüden handeln würde und er den Namen Tyson trägt. Er sei zwei Jahre alt und fertig ausgebildet. Auf meine Frage hin teilte er mir ebenfalls mit, daß sich Tyson recht neutral gegenüber anderen Hunden verhalten würde. Dies war auch eines der wichtigsten Aspekte für uns, da wir mit Cim häufig das Problem hatten, daß sie hinter anderen Hunden herbellte und dort sehr stark hin zog.

Dieses Foto zeigt Tyson auf der Terasse unseres Gartens.

Kurze Zeit später bekam ich dann bereits die ersten Bilder von Tyson, damit meine Frau ihn auch
schon sehen konnte. Sie wollte ich überraschen, weil ich wußte, daß sie sich über einen neuen Hund auch sehr freuen würde. So zeigte ich ihr die Fotos von Tyson und erklärte ihr das es sich um einen neuen Hund eines Führhundhalters aus einer Mailingliste handeln würde und wie sie ihn findet. Sie war gleich sehr ANGETAN von ihm und so gab es einen Tag später bereits den ersten telefonischen Kontakt mit Herrn Stranz. Meiner Frau sagte ich nun die Wahrheit, daß dieser Hund frei wäre zur Vermittlung und wir ihn nehmen könnten. Sie war auch sofort Feuer und Flamme. Auch das was mir Herr Stranz am Telefon so erzählte von Tyson machte mich immer sicherer, daß Tyson der richtige Hund für mich sein könnte.


Ich stellte nun bei der Krankenkasse den Antrag auf Kostenübernahme eines Blindenführhundes. Gleichzeitig machten wir mit Herrn Stranz aus, daß wir am darauffolgenden Wochenende zu ihm in die Führhundschule kommen würden, um uns Tyson anzusehen.
Er buchte für uns ein Zimmer für eine Übernachtung. Die Familie Stranz hat uns dann allerdings komplett bis auf das Frühstück beköstigt, daß wir in der Gaststätte der Unterkunft einnahmen.
Es war von vornherein ein netter Kontakt zu Herrn Stranz und seiner Frau. Mit Tyson schlossen wir sehr schnell Freundschaft. Es dauerte nicht lange bis er, wenn wir alle zusammensaßen, bei mir an den Füßen lag und nicht mehr bei Herrn Stranz, zudem Tyson natürlich eine besonders starke Bindung hatte.

Hier ruht sich Tyson nach einem schönen Spaziergang auf seinem Liegeplatz aus.

Am Morgen nach der Übernachtung holte uns Herr Stranz mit dem Auto nach dem Frühstück von der Unterkunft ab. Im Auto war auch Tyson. Als er uns sah quiekte er vor Freude.
Wir gingen auch zweimal mit Herrn Stranz und Tyson zusammen spazieren.
Als wir dann abfuhren war klar, daß wir uns für Tyson entschieden hatten.
Es dauerte aber leider noch einige Zeit bis die Krankenkasse den Antrag auf Kostenübernahme für Tyson abgeschlossen hatte und bis wir die Genehmigung bekamen die Einarbeitung zu machen.



Die Einarbeitung


Die Einarbeitung fand erst für 8 Tage am Ort der Führhundschule statt. Herr Stranz besorgte uns diesmal in
einer Pension in Plauen
ein absolut schönes Apartment mit Balkon. Es war wirklich sehr schön. Jeden Morgen gab es entweder Frühstücksbuffet oder normales Frühstück am Tisch. Diese
Pension
war wirklich ihr Geld wert.
Amsonsten beköstigten uns Herr und Frau Stranz großzügig.
Die Einarbeitung in
Plauen
verlief recht gut. Bis auf Kleinigkeiten klappte eigentlich alles von anfang an.
Nach den 8 Tagen fuhren wir im Auto mit Herrn Stranz und Tyson zusammen nach
Hamm,
wo an unserem Wohnort ebenfalls 8 Tage Einarbeitung gemacht wurden.
Auch hier klappte eigentlich alles recht gut. Tyson hatte meine Frau und mich mittlerweile auch schon so ziemlich als sein neues Herrchen und Frauchen angesehen.
Eigentlich war die Gespannprüfung für den 8. September 2008 vorgesehen. Jedoch konnte der Sachbearbeiter der Krankenkasse an diesem Tag nicht die Gespannprüferin und den Vertrauensarzt des MdK zusammen bekommen. So fand die Prüfung dann letztendlich erst am 24. September statt. Herr Stranz fuhr in der Zwischenzeit nach Hause und kam 3 Tage vor dem Prüfungstermin wieder nach Hamm, um noch einmal vor der Prüfung eventuelle Schwächen auszubügeln.


Die Gespannprüfung


Die Gespannprüfung fand also am 24. September um 10.00 Uhr statt.
Wir hatten zuvor einen festen Weg geübt, den ich mit Tyson auch in der Prüfung gehen sollte.
Wir gingen von zuhause los Richtung Sedanstraße und bis zur
AOK
auf der Kreuzung Sedanstraße/Bismarckstraße, wo ich von Tyson den Schreibtisch eines AOK-Mitarbeiters mit dem Hörzeichen "Such Schalter" anzeigen ließ. Das klappte ausgezeichnet. Dann ging es raus aus dem AOK-Gebäude und dann die Bismarckstraße runter, über die Sedanstraße rüber, zum Schwarzen Weg und dort zeigte mir Tyson auf Hörzeichen die dortige Telefonzelle an. Von dort ging es über die Straße und dann zur Neuen Bahnhofstraße. Dort mußte Tyson mir die Ampel anzeigen und dann auch gleich nochmal beim Übergang von C & A rüber auf die Straßenseite des Bahnhofs.
Klappte alles gut.

Tyson liegt hier gemütlich in seinem Bett neben seinen Spielsachen.

Dann gingen wir Richtung Bahnhof und dort mußte mir Tyson den Eingang anzeigen und wir gingen hinein. Ich forderte ihn dann auf mir die Treppe zum Bahnsteig 1 zu zeigen. Dies tat er auf der rechten Seite. Er wurde allerdings etwas durch einen am Fahrplan stehenden Passanten abgelenkt und so mußte ich ihn erst wieder zur Arbeit aufrufen.
Wir gingen dann hoch zum Bahnsteig und ich ließ mir dort die Bank anzeigen. Auch das klappte sofort. Dort machten wir eine kleine Pause.
Danach sollte ich versuchen ob Tyson mich auf die Schienen führen würde. Er drehte sich weg und selbst als ich ihn Richtung Schienen drückte am Geschirr, wich er zur Seite.
Dies nennt man in Fachkreisen inteligente Gehorsamsverweigerung.
Nun gingen wir wieder Richtung Treppenabgang und ich forderte Tyson auf mir diesen anzuzeigen. Er ging zur Treppe auf der anderen Seite und zeigte sie an. Ich stand jedoch vor einem Metallpfeiler und checkte nicht das er mir die Treppe bereits angezeigt hatte. Also versuchte ich mit Tyson wieder an die Stelle zurückzukommen, wo wir normalerweise die Treppe runtergingen.
Nach kurzer Zeit hatten wir diese auch gefunden. Als wir oben an der Treppe standen gingen unten zwei wie wild kleffende Schäferhunde an der Treppe vorbei. Tyson reagierte darauf garnicht, während ich in diesem Moment erschrack. So gingen wir die Treppe runter und dann ließ ich mir von Tyson den Aufzug anzeigen. Machte er auch zuverlässig wie immer. Ich fuhr wieder nach oben mit ihm zum Bahnsteig und suchte wieder mit Tyson die Treppe und wir gingen wieder runter.
Dann ging es in Richtung Westausgang des Bahnhofs.
Von dort links herum raus zur Bushaltestelle der Linie 7 Richtung Herringen. Diese Haltestelle hatte ich mir als Orientierungspunkt ausgesucht, um die richtige Stelle zu finden, wo wir über die Straße mußten.
Diese überquerten wir dort dann und gingen gegenüber in die Straße zur Haltestelle der Linie 7 Richtung Innenstadt. Mit dieser fuhren wir nun Richtung Westentor und stiegen wieder aus.
Ich ließ mir von Tyson die Bordsteinkante anzeigen und lief mit ihm auf die andere Seite hinüber. Dort war ein ziemliches Gewusel mit Menschen und es standen Fahrräder rum. Zur Orientierung hatten wir zuvor erarbeitet, daß ich mit Tyson auf dieser Seite 4 Schritte auf den Gehweg laufen sollte und dann links. Aber durch andere Passanten kam Tyson etwas vom Kurs ab und wir landeten vor den dortigen Sitzbänken statt dahinter. Nun war ich etwas konfus und Tyson stand mir in nichts nach. Nun machte er etwas das hatte er noch nie vorher gemacht. Er zog unter einen Fahrplan der auf zwei Metallfüßen stand. Nach kurzem orientierungslosen gewusel fand ich mit ihm jedoch wieder den richtigen Weg und wir gingen Richtung Bahnhofstraße. Zuvor wollte Tyson jedoch mit mir unbedingt noch bei Tschibo Kaffeetrinken. Das wollte ich aber nicht und wir steuerten dann auf die Ampel an der Bahnhofstraße zu. Diese zeigte er mir auch wieder konsequent an. Durch die Fußgängerzone ging es dann zum
Kaufhof,
wo ich mit ihm die Rolltreppenverweigerung vorführen sollte.
Das klappte ebenfalls einwandfrei.
Danach ging es dann wieder zum Westentor zurück und dann mit dem Bus wieder nach Hause.
Die Gespannprüferin teilte uns mit, daß wir die Prüfung nicht bestanden hätten, weil sie der Meinung war, daß wir beim Führen noch nicht die richtige Bindung zusammen hätten.
So lief es also auf eine Nachprüfung hinaus. Diese sollte am 1. Oktober stattfinden.
Zuvor machten Herr Stranz und ich jedoch noch ein fünftägiges Training.
Wir fuhren nun mit dem Bus zur Weststraße und gingen dort in die Fußgängerzone. Am Ende der Fußgängerzone ließ ich mir die dortige Bank anzeigen und auf dem Rückweg dann wieder die Ampel zur Orientierung an der Weststraße. Dann gingen wir Richtung Sternstraße zur Haltestelle. Zuvor mußte Tyson noch an der Kreuzung die Ampel anzeigen.
Bei meinem Glück stand natürlich eine Frau mit einem Jack Russelterrier dort. Tyson zog schwanzwedelnd Richtung des Hundes und ich mußte ihn zweimal auffordern in bestimmten Ton mir die Ampel anzuzeigen. Dann tat er es. Wir überquerten die Straße bei grün und suchten die Haltestelle St. Marienhospital auf und fuhren eine Station mit der Linie 7 nach Hause.
Die Gespannprüferin sagte nun das die Prüfung bestanden wäre als wir zuhause waren.
Es hatte auch alles sehr gut geklappt bis auf die Kleinigkeit an dieser Ampel.
Insgesamt trafen wir ungefähr 5 oder 6 andere Hunde und Tyson verhielt sich sehr moderat. Er führte mich auch einwandfrei an allen Hindernissen vorbei.
Nun war Tyson tatsächlich unser Eigentum.
In den zwei Wochen wo Tyson allein bei uns war vor der 1. Gespannprüfung gehörte er eigentlich noch der Führhundschule. Es war schon ein unangenehmes Gefühl diese Verantwortung für einen so wertvollen Hund zu tragen in dem auch viel Arbeit steckte.
Dies müßte vom Gesetzgeber besser gereglt werden.


Tyson im Amt


Am 2. November 2008 fing ich im
Auswärtigen Amt
als Telefonist an. Das war ziemlich genau einen Monat nach der Gespannprüfung.
Ich rief die Leiterin der Telefonzentrale im Vorfeld der Arbeitsaufnahme an und fragte sie, ob es ein Problem wäre Tyson mit zum Dienst zu bringen.
Nach kurzer Zeit bekam ich bescheid, daß es kein Problem sei und so nahm ich ihn dann gleich am ersten Arbeitstag schon mit.
Nun sind wir schon seit einigen Jahren dort und Tyson ist der große Liebling im Amt. Jeder hat ihn gern und auch meine Cheffin geht regelmäßig mit Tyson in der Mittagspause raus damit er zum einen Bewegung hat und zum anderen sich lösen kann.
Während meiner Nachtdienste kommt dann sogar eine Mitarbeiterin bzw. ein Mitarbeiter des Hausordnungsdienstes (HOD) und geht mit Tyson so um 22.00 Uhr raus damit er sich für die Nacht nochmals lösen kann.
Ein anderer Mitarbeiter aus unserem Referat kümmert sich in jeder freien Minute im Amt um Tyson. Zwischendurch kommt er immer mal in die Tewlefonzentrale um mit Tyson zu schmusen und spielen.
Sämtliche Kolleginnen und Kollegen mögen Tyson. Lediglich eine Kollegin hat Angst vor Hunden.


Führtätigkeit


Der Hauptweg auf dem mich Tyson führt, ist der Weg zum
Auswärtigen Amt
und wieder nach Hause. Dieser Weg ist allerdings nicht sehr lang. Man schafft ihn zufuß in ca.10 Minuten. Noch nie ist es auf diesem Weg zu einer gefährlichen Situation gekommen weil Tyson einen Fehler gemacht hat.
Auch auf anderen Wegen führt er sehr souverän. Er zeigt mir Treppen, Ampeln, Eingänge und sonstige Hindernisse sehr zuverlässig an.
Er ist ein sehr ausgeglichener Hund. Das heißt er kann ohne Probleme mal zwei oder auch drei Stunden irgendwo liegen ohne das er dauernd herumlaufen müßte. Auf der anderen Seite kann er aber auch mal aufdrehen und nach Herzenslust spielen und toben.
Das schönste mit bei ihm ist, daß er nicht so agressiv auf andere Hunde reagiert. Wenn er im Geschirr ist, dann merke ich das er etwas konzentriert anvisiert und ich kann ihn dann schnell wieder auf seine Führaufgaben aufmerksam machen. Das Laufen ist so deutlich entspannter als zuvor mit Cim.



Artikel in der AA-Intern

In der monatlich erscheinenden Zeitung des Auswärtigen Amtes habe ich eine Vorstellung von Tyson aus seiner Sicht veröffentlicht. Nachfolgend ist sie hier zu lesen.


Auf den Hund gekommen
Die Telefonzentrale hat einen der bestqualifizierten Mitarbeiter



Ich möchte mich erstmal vorstellen. Ich bin wohl der einzige Vierbeiner im Auswärtigen Dienst, vielleicht sogar der einzige aller Bundesministerien. Mein Name ist Tyson. So wie der Boxer, allerdings beißt der in menschliche Ohren, während ich nur die Schweineöhrchen einer Kollegin aus der Telefonzentrale mag. Ich bin ein dreijähriger Mischling zwischen Labrador und Golden Retriever. Mein Herrchen, Thomas Stege, arbeitet seit November 2008 als Telefonist in der Telefonzentrale — und weil er blind ist, bin ich bei ihm, um ihn zu führen.
Ich bin nämlich sein ausgebildeter Blindenführhund, was ich manchmal aber auch vergesse bei den vielen netten Kolleginnen und Kollegen im Haus. Manchmal ist die Versuchung einfach zu groß, statt auf Herrchen aufzupassen, ein Streichel- oder Spielangebot anzunehmen. Das mache ich ja viel lieber! Herrchen ist da aber ein Spielverderber und fordert mich dann wieder auf, meine Arbeit zu tun. Na gut, gehorche ich eben, bevor er mir noch böse ist .
In der Telefonzentrale sind ganz tolle Zweibeiner! Die streicheln mich, geben mir zu naschen, wenn Herrchen es erlaubt, spielen mit mir und führen mich zwischendurch auch mal Gassi. Aber eigentlich wollte ich ja von meiner Ausbildung und Arbeit als Blindenführhund erzählen.
Ich war etwa eineinhalb Jahre, als ich vom Leiter der Führhundschule Stranz bei Plauen in Sachsen für die Ausbildung ausgesucht wurde. Die fand ich sehr interessant! Ich hatte viel zu tun, kam viel rum, und wenn ich etwas gut gemacht hatte, bekam ich vom Trainer ein Leckerli.
Er brachte mir bei, die Bordsteinkanten an der Straße anzuzeigen, indem ich dort einfach nur stehen bleibe. Dann zeigte er mir so einen Pfahl mit drei bunten Lichtern daran, den er Ampel nannte. Die sollte ich auch anzeigen, indem ich an dem Pfahl hochsprang. Das war ganz einfach und natürlich gab es wieder ein Leckerli zur Belohnung. Ampeln anzeigen macht Spaß! Dann übten wir, auf das Kommando „such Taxi" die nächste Bushaltestelle anzuzeigen. Ich musste bei diesem Trainer sehr viel lernen, um mein künftiges blindes Herrchen oder Frauchen ordentlich führen zu können.
Ich konnte bald an Treppenauf- und -abgängen stehenbleiben, Ein- und Ausgänge oder einen Fahrstuhl finden, Hindernissen ausweichen, sämtliche Höhenhindernisse durch Stehenbleiben signalisieren und einen freien Sitzplatz im Bus anzeigen. Sogar die Richtungen links, rechts und geradeaus kann ich unterscheiden! Mein Trainer brachte mir auch Unterordnung bei. Das heißt wohl, dass ich auf mein Herrchen oder Frauchen hören muss.
Andererseits forderte er mich dann plötzlich auf, über die Straße zu gehen, obwohl ein Auto kam! Ich habe etwas Übung und einige Leckerli gebraucht, bis ich begriffen hatte, was er wollte: Ich musste verweigern, über die Straße zu gehen, wenn ein Auto kommt! Komisch — normalerweise soll ich gehorchen und plötzlich wieder nicht. Versteh mir einer die Zweibeiner ... Merkwürdig war auch, dass ich vor Hindernissen stehenbleiben sollte, unter denen ich problemlos durchgehen konnte! Mein Trainer hat das sehr oft mit mir geübt, bis ich kapiert hatte, dass der viel höhere Zweibeiner einfach nicht unter dem Hindernis durchpasst.
Die gesamte Ausbildung dauerte etwa zehn Monate. Dann kam mein Herrchen zur Führhundschule und suchte mich als seinen Blindenführhund aus. Da ich ein „anerkanntes Hilfsmittel" bin, hat mich seine Krankenkasse bezahlt. Mit dem Geld kauft mein Trainer für die nächsten Hundeschüler wieder so viele Leckerli, damit sie die Aufgaben genauso gut lernen wie ich. Die ersten beiden Wochen mussten Herrchen und ich zusammen unter seiner Aufsicht trainieren. Die Zweibeiner sagen dazu wohl „Einarbeitungszeit"
Eine Woche übten wir in der Nähe der Führhundschule, wo ich mich ja mittlerweile gut auskannte, die zweite zuhause bei meinem neuen Herrchen. Das war schon schwieriger, weil mir erstmal alles so unbekannt vorkam, und dann waren da so viele andere Hundegerüche!
Nach dieser Zeit wurde ich von einem Mitarbeiter der Krankenkasse und einem Sachverständigen des Blindenverbandes geprüft. Mein Trainer war an jenem Tag sehr angespannt. Aber ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen. Mein Herrchen hatte bei der Prüfung die Leckerli mit und so hat alles gut geklappt.
Nun bin ich schon seit fast eineinhalb Jahren der sehende Begleiter meines Herrchens. Ich glaube auch, dass ich ihn ganz gut führe. Denn bisher ist uns noch nie etwas passiert. Ich habe eben immer Hunger und will daher alles richtig machen. Ist doch schlau von mir, oder?


Tyson, unter Mithilfe von THOMAS STEGE, Zentrale Berlin


Chefbesuch


Ein sehr aufregendes und schönes Erlebnis war es auch als unser amtierender Außenminister uns in der Telefonzentrale besuchte. Zu diesem Zeitpunkt war der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Außenminister.
Angefangen hat alles damit das die Ver.Die-Betriebsgruppe im vor Weihnachten 2014 dazu aufrief dem Minister einen Weihnachtsgruß zu schreiben und darin auch einen persönlichen Wunsch an ihn zu richten. Ich überlegte mir, dass ich mir einen Fototermin mit Tyson, mir und ihm wünschen könnte. Als die Weihnachtswünsche sämtlicher Mitarbeiter übergeben wurden und Herr Steinmeier sich diese durchgelesen hatte, sagte er der Überbringerin das mein Wunsch ja ganz einfach umzusetzen wäre.


Nach etwa einem dreiviertel Jahr machte das Ministerbüro einen Termin mit der Telefonzentrale aus. Dieses Treffen mußte dann aber ganz kurzfristig ausfallen, da Herr Steinmeier eine wichtige Pressekonferenz geben mußte. Anfang des nächsten Jahres wurde dann erneut ein Termin vereinbart und dann kam er auch tatsächlich.

Der damalige Außenminister Steinmeier und spätere Bundespräsident zusammen mit Tyson und Herrchen.

Herr Steinmeier war sehr nett und interessierte sich für unsere Arbeit. Natürlich streichelte er auch Tyson und wir konnten schöne Erinnerungsfotos machen. Die Presseabteilung war dabei und so bekamen wir einige Tage später sämtliche Fotos. Er war etwa 20 Minuten bei uns. Angesichts der Tatsache das er heute sogar Bundespräsident ist war das schon eine ganz tolle Angelegenheit.



Gesundheitliche Probleme


Als Tyson etwa sieben Jahre alt war bemerkten wir das er auf der linken Vorderpfote eine kleine Verdickung hatte. Wir gingen zur Tierärztin und sie machte Röntgenaufnahmen, weil sie den Verdacht hatte das Tyson eine Arthrose hat. Dies bestätigte sich dann leider auch. In beiden Vorderpfoten wurden durch die Röntgenaufnahmen Arthrosen der Mittelhandgelenke festgestellt.
Er bekam Medikamente in der Folgezeit, die zum Einen den Knorpelaufbau in den Gelenken fördern sollten und zum Anderen eventuelle Schmerzen lindern sollten.
Das funktionierte auch die ganze zeit recht gut und Tyson konnte problemlos seinen Dienst verrichten und auch mal toben.
Allerdings merkte man als er so achteinhalb bis neun Jahre alt war, dass er bei längeren Spaziergängen oder auch bei größerer Belastung dann doch etwas lahmte und es ihm etwas schwerer fiel.
Darum beschloß ich dann Tyson möglichst pünktlich mit zehn Jahren aus dem Führdienst zu nehmen, damit er noch ein paar Jahre zeit hatte einfach nur Hund sein zu können. Er war immer für mich da und da hatte er sich das verdient.


Eines der letzten Fotos von Tyson in Berlin im Juli 2016.

Tyson geht in Rente


Im Juli 2016 war es dann soweit. Tyson ging in Rente.
Ich hatte im Vorfeld über einen
Verein in Hamburg, der sich zur Aufgabe machte Blindenführhunde bei anderen Familien für den Ruhestand unterzubringen, einen Platz für Tyson in Süddeutschland gefunden.


Es war zwar alles im Vorfeld von uns geplant, dennoch war im ersten Augenblick die Nachricht des Vereinsvorsitzenden ein schock. Es ging alles so schnell. Damit war nicht von Anfangan zu rechnen.
Der Vereinsvorsitzende persönlich wollte Tyson mit dem Auto an einem Sonntag dorthin fahren. Er kam gegen 10.00 Uhr bei uns an und holte Tyson ab um ihn in sein neues Zuhause zu bringen.
Der Abschied am Auto fiel schon ganz schön schwer. Er war schließlich rund acht Jahre mein treuer Begleiter und gab mir einige Freiheit zurück.

Schwimmausflug bei der neuen Familie in Baden-Würtenberg.

Nach etwa zwei Wochen sollte der erste Kontakt zur neuen Besitzerin in Baden-Würtenberg stattfinden. Wir bekamen zwischendurch immer mal in der ersten Zeit Infos vom Vereinsvorsitzenden, dass es Tyson dort sehr gut geht und alles in Ordnung sei.
Dann kam der Tag des ersten Kontaktes mit der neuen Besitzerin. Seither haben wir in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder Kontakt und wir tauschen uns aus. Tyson lebt nun schon fast zwei Jahre bei seiner neuen Familie und er hat es dort mehr als gut getroffen. Er wird dort sehr liebevoll umsorgt und man hat ihn so lieb wie er es auch verdient hat.
Die neuen Besitzer unternehmen sehr viel mit Tyson. So gehen sie mit ihm schwimmen und auch nach seiner Belastbarkeit spazieren.
Tyson nimmt im Sommer 2017 ein erfrischendes Bad im Rhein.

Leider wurde im März 2018 dann von einem Tierarzt festgestellt, dass Tyson unter einer Spondylose leidet. Dies ist eine Erkrankung der Wirbelgelenke, ähnlich dem Bechterif beim Menschen. Er wurde daraufhin mit Cortison behandelt und bekam danach dann eine spezielle Lasertherapie. Mittlerweile sind die Beschwerden wieder deutlich besser und er hat auch wieder Bewegungsdrang und fühlt sich auch scheinbar ganz wohl in seiner Haut.
Ich hoffe das er noch eine ganz lange Zeit so gut zurechtkommt und seinen neuen Besitzern noch lange lange Zeit Freude machen kann.

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